Ein Schrebergarten ist eine österreichische Besonderheit. Ein kleiner Garten, meist in einer Kleingartenanlage gelegen, der von begeisterten Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtnern bewirtschaftet wird. Dort darf man vieles so gestalten, wie man es für richtig hält. Ganz so frei ist man allerdings nicht. Üblicherweise gibt es Regeln des jeweiligen Kleingartenvereins. Es gibt sogar gesetzliche Vorgaben, die festlegen, was erlaubt ist und was nicht. Und es gibt Menschen, die sehr genau darauf achten, dass diese Regeln eingehalten werden.
In manchen Unternehmen habe ich oft den Eindruck, dass es hier sehr viele Schrebergärtner:innen gibt.
Jede Abteilung hat ihren eigenen Garten. Manche Führungskräfte bewachen ihr Grundstück besonders aufmerksam. Wer von außen einen Hinweis gibt, eine Frage stellt oder gar Verbesserungsvorschläge macht, betritt schnell unerlaubtes Terrain. Je höher die Position, desto stabiler scheint manchmal der Zaun zu werden.
In der extremen Version hat man längst aufgehört, über die Gartengrenzen hinweg miteinander zu sprechen. Dort wird der Schrebergarten fast wie eine kleine Monarchie geführt. Es gilt, was das Oberhaupt sagt. Mit allen positiven und negativen Konsequenzen.
Für die Organisation wird das irgendwann zum Problem.
Abteilungen optimieren ihre eigenen Bereiche, statt gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Probleme werden weitergereicht. Zuständigkeiten werden verteidigt. Die Konkurrenz sitzt nicht mehr außerhalb des Unternehmens, sondern im Nachbarbüro oder in der nächsten Abteilung.
Das Bemerkenswerte daran: Fast alle sehen es.
Die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen es sowieso. Die anderen Führungskräfte sehen es. Oft sehen es sogar jene Personen, die für mehrere Bereiche verantwortlich sind. Trotzdem bleibt vieles unverändert.
Was ich bis heute nicht verstehe: Warum wird das so oft akzeptiert?
Warum werden Regeln, die eigentlich für alle gelten sollten, nicht eingefordert? Warum wird lieber hinter vorgehaltener Hand gejammert, anstatt das Thema offen anzusprechen?
Die Folgen sind meist dieselben. Abstimmungen werden mühsam. Energie geht verloren. Gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlassen das Unternehmen. Fehler werden an anderer Stelle repariert, obwohl man sie gemeinsam hätte vermeiden können.
Vielleicht lohnt sich deshalb ein Blick über den eigenen Gartenzaun.
Nicht um sich einzumischen. Nicht um alles besser zu wissen. Sondern um gemeinsam Verantwortung für das große Ganze zu übernehmen.
Denn erfolgreiche Organisationen entstehen selten durch perfekt gepflegte Einzelgärten. Sie entstehen dort, wo Menschen bereit sind, auch außerhalb ihres Zaunes mitzudenken.
Und wer weiß: Vielleicht braucht es manchmal einfach jemanden, der sich traut an geeigneter Stelle direkt auf den Wildwuchs hinweist. Und Führungskräfte die den Mut haben Regeln und Fehlverhalten anzusprechen und die Einhaltung einzufordern.