Du bist so ein Trottel!

Als Anschluss zu den Aussagen von letzter Woche: Ein paar Gedanken über Selbstabwertung.

In unserem Führungsalltag gibt es Dinge, die gut gelingen, und Dinge, mit denen wir nicht zufrieden sind. Ich hoffe, dass das Verhältnis dabei eindeutig zugunsten der gelungenen Dinge ausfällt. Trotzdem beschäftigen wir uns meist mit dem, was nicht funktioniert hat. Probleme verlangen nach Aufmerksamkeit, Fehler wollen verstanden werden und Herausforderungen fordern uns heraus.

Genau dann meldet er oder sie sich: der innere Kritiker. Manchmal geht er oder sie mit uns als Führungskraft oder Verantwortliche ziemlich hart ins Gericht. Er oder sie findet deutliche Worte – Worte, die wir gegenüber anderen Menschen vermutlich niemals in dieser Direktheit verwenden würden. Es gilt eine einfache Regel: Der strengste Kritiker sitzt meistens in uns selbst. Wir müssen ihn nicht im Außen suchen.

Das Schwierige daran ist, dass dieser Anteil vieles, was gut läuft, als selbstverständlich betrachtet. Erfolge werden als Standard gesehen und sind oft nicht einmal eine positive Bemerkung wert. Was hingegen nicht gelungen ist, beschäftigt uns oft über Stunden, Tage oder sogar Wochen. Aus einem Fehler wird dabei schnell eine Zuschreibung. Nicht mehr „Das ist mir nicht gelungen“, sondern „Ich kann das nicht“. Nicht mehr „Diese Entscheidung war nicht optimal“, sondern „Ich bin so deppat!“.

Genau hier wird es problematisch und deshalb glaube ich, dass wir als Führungskräfte viel häufiger mit unserem Hubschrauberblick arbeiten sollten. Also einen Schritt zurücktreten und die Situation von oben betrachten. Dabei geht es nicht darum zu bewerten, sondern zu beobachten. 
Was ist konkret passiert? Was habe ich getan? Was habe ich nicht getan? Welche Faktoren haben eine Rolle gespielt? Was würde ich beim nächsten Mal anders machen? Und genauso wichtig: Was ist mir gut gelungen? Worauf kann ich aufbauen? Wo habe ich bereits etwas richtig gemacht?

Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob wir eine Situation einschätzen oder uns selbst abwerten. Für diesen Blick von oben brauchen wir im Hubschrauber noch eine zusätzliche Figur: einen PBP – einen Positiv-Beobachtenden-Piloten beziehungsweise eine Pilotin. Jemanden, der nicht nur die Situation betrachtet, sondern auch darauf achtet, wie wir sie betrachten. D.h. nun nicht, dass wir alles durch die Rosabrille beobachten und alles als gut empfinden, was wir tun. Das wäre ja wiederum eine Bewertung. Es geht darum zu analysieren, zu erkennen, was der Grund dafür war, dass dieses Ergebnis, das man bekommen hat, entstanden ist.

Fehler passieren, im Nachhinein ist man fast immer klüger, manchmal kommen Faktoren dazu, die vorher niemand sehen konnte, und manchmal gelingt etwas einfach nicht so, wie wir es geplant haben. Das ist kein Zeichen von Unfähigkeit, sondern ein Teil von Führung. Vielleicht lohnt es sich daher, bei der nächsten inneren Abwertung kurz den Hubschrauber zu starten und den PBP mitzunehmen.

Bild: Mit ChatGPT generiert