Ein Plädoyer fürs Nachdenken

Warum Nachdenken hilft und wir dies trotzdem oft nicht so einsetzen wie es uns gut tun würde.

Stell dir folgende Situation vor:
Du bist Führungskraft und beobachtest eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter. Die Person hat den Stuhl bequem nach hinten geklappt, den Körper entspannt ebenfalls nach hinten gelehnt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Die Augen sind leicht geschlossen, der Blick geht nach oben an die Decke.
Sieht gemütlich aus.
Welche Assoziationen hast du bei diesem Bild? Die meisten vermutlich eher ironische.
Und die zweite Frage: Wie lange schaffst du es als Führungskraft zuzusehen, bis du etwas angespannt wirst, weil der oder die da offensichtlich nichts tut?

Die zweite Szene:
Eine Besprechung mit mehreren Personen in einem Unternehmen. Es geht heiß her. Es muss eine neue Lösung für ein Problem gefunden werden. Unterschiedlichste Ansätze wurden geprüft und wieder verworfen. Die Zeit drängt.
Plötzlich sagt eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer: „Vielleicht sollten wir alle einmal kurz still sein und jeder für sich nachdenken, wie er das Problem angehen könnte.“
Hmmm?
Dieser Satz geht in Unternehmen gar nicht!
Und ich sage: Stimmt. Sich selbst und anderen wirklich bewusst Zeit zum Nachdenken zu geben, geht scheinbar immer weniger.
Das gilt aus meiner Beobachtung für Einzelpersonen und noch mehr für Gruppen. Nachdenken – vielleicht sogar in Stille – ist eher etwas für Mitglieder einer Selbsthilfegruppe, aber doch nicht fürs richtige Business.
Schnell muss es gehen. Zack, zack. Nichts da mit: „Naja, ich weiß nicht, da muss ich zuerst nachdenken.“

In Seminaren erlebe ich immer wieder, dass Teilnehmer:innen ihre Zeit bei Gruppenarbeiten lieber für Mails, Nachrichten oder Telefonate nutzen wollen als für gemeinsames Nachdenken. Ich erlebe manchmal wenig Lust – und gelegentlich auch wenig Übung –, sich mit anderen über ein Thema auszutauschen, um dadurch zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Wichtiger wird oft, dass nach fünf Minuten irgendetwas auf dem Flipchart steht, um sich anschließend wieder den „wirklich wichtigen Dingen“ widmen zu können.

Leider sind Diskussionen vielfach zu Streitgesprächen geworden. Es geht darum, das eigene Argument oder vielleicht sogar sich selbst durchzusetzen. Zu gewinnen.
Eigentlich könnte eine Diskussion etwas anderes sein. Ein gemeinsamer Erkenntnisgewinn. Ein Verknüpfen von Gedanken. Eine Weiterführung von Ideen. Eine kreative Vertiefung. Ähnlich wie unser Gehirn arbeitet. Ein gemeinsames Nachdenken.

Zeitnehmen
Wenn Personen ins Coaching kommen, habe ich oft den Eindruck, dass sie dort wieder Zeit finden, nachzudenken und nachzuspüren. In der operativen Hektik des Alltags scheint dafür oft kein Platz mehr zu sein. Wer nachdenkt, sitzt herum. Wer E-Mails beantwortet, tut etwas.
Zumindest entsteht manchmal dieser Eindruck.
Um richtig verstanden zu werden: Ich halte es durchaus für sinnvoll, rasch aus Intuition und Erfahrung heraus Entscheidungen zu treffen. Aber nicht ausschließlich. Und schon gar nicht deshalb, weil schnell automatisch gut sein soll.
Wie viele Projekte kennst du, die schnell entschieden wurden, bei denen aber nie wirklich darüber nachgedacht wurde, ob sie überhaupt den gewünschten Nutzen bringen?
Und wie oft wurden diese Entscheidungen danach wieder geändert, angepasst oder neu diskutiert?

Vielleicht ist Nachdenken nicht das Gegenteil von Arbeiten.
Vielleicht ist es eine der wichtigsten Formen davon.

Bild: Martin Sattlberger