Stelle dir vor, du steigst in ein mittelgroßes Schiff (noch nicht einmal in ein Flugzeug) und der Lenker oder die Lenkerin dieses “Fahrzeugs” verkündet: „Ich habe keinen Führerschein für dieses Fahrzeug, aber ich kann “eh” ein Auto lenken, also wird das doch nicht so schwierig sein.“
Würdest du sitzen bleiben und ihm oder ihr das Vertrauen schenken? Wohl kaum – auch wenn das Steuern eines Schiffes vielleicht so ähnlich wirkt, wie man ein Auto fährt. In Führungsetagen hält sich jedoch ein Mythos hartnäckig: Führung braucht keine Ausbildung.
Das Handwerk hinter dem Charisma
Gute Führung ist kein Zufallsprodukt aus Genetik und Glück. Wie wir bereits in einem früheren Beitrag betont haben, braucht es eine gezielte Entwicklung. Ja, es braucht eine besondere Haltung, Tools und Werkzeuge – das ist das Basis-Equipment.
Ein zentrales Element der Führung liegt in der persönlichen Reflexionsfähigkeit. Es geht um die Gabe, sich selbst und andere beobachten zu können. Ganz wichtig: Es geht um die Beobachtung und nicht um eine Bewertung. Kann ich wahrnehmen, was eine andere Person tut, ohne es sofort in die Kategorien „gut“ oder „schlecht“, „mag ich“ oder „mag ich nicht“ einzuteilen? Wir nennen dies den „Hubschrauber-Blick“: die Fähigkeit, sich aus dem Tagesgeschäft herauszuzoomen und wertfrei wahrzunehmen, was gerade passiert. Dies ist natürlich ein Teil der Persönlichkeitsentwicklung und hat wenig mit auswendig gelernten Modellen auf glatten PowerPoint-Folien zu tun.
Praxis statt Frontalbeschallung
Wissen ist in der Führung wertvoller, wenn es eine Brücke zur Praxis schlägt. Wer neu in der Rolle ist, braucht Input. Wer aber bereits Erfahrung hat, braucht etwas ganz anderes: Auseinandersetzung und Reflexion unter Gleichgesinnten.
Mein Appell: Stell dich genau diesen Herausforderungen. Hole dir ein- bis zweimal pro Jahr frische Impulse in einem professionellen Rahmen. Aber Vorsicht: Meide die typischen Massenveranstaltungen. Durchdesignte Vorträge auf großen Bühnen mögen unterhalten, aber sie verändern selten dein Handeln.
Wirkliche Entwicklung basiert auf dem Dialog, auf der Tiefe und der stetigen Arbeit an der eigenen Haltung. Wer fachlich über Jahre up to date bleibt, sollte seiner Führungskompetenz denselben Respekt zollen. Genauso wie man als Kapitän die Verantwortung für sein Schiff und seine Crew trägt, gilt auch als Führungskraft: Ich muss das, was ich ausübe, auch lernen und beherrschen.
Bild Sattlberger - gezeichnet & fotografiert