Was es AUCH als Führungskraft braucht!

Dieses Mal geht es um das was wir AUCH als XHV* bezeichnen.

Ich habe mir vor Kurzem einen Podcast** angehört. Der Interviewer Matze Hielscher sprach mit dem Soziologen Hartmut Rosa. Drei Begriffe sind mir dabei hängen geblieben, weil sie immer wieder gefallen sind:

Fingerspitzengefühl – Augenmaß – Urteilsvermögen
Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr hatte ich den Eindruck: Eigentlich beschreiben genau diese drei Wörter sehr gut, worum es AUCH bei Führung geht. 
Im Führungsalltag gibt es erstaunlich wenige Situationen, die eindeutig sind.
Wie deutlich spreche ich etwas an?
Wann greife ich ein?
Wann lasse ich bewusst laufen?
Wann braucht jemand Druck – und wann Unterstützung?

Genau hier beginnt Fingerspitzengefühl. Nicht jede Situation verlangt nach maximaler Härte oder nach endlosen Diskussionen. Manchmal geht es darum zu spüren, was im Moment wirklich notwendig ist. Und das ist oft deutlich schwieriger, als irgendein Modell aus einem Führungshandbuch auswendig zu lernen.
Führen hat sehr viel mit Erfahrung, aber auch mit Emotionen in einer bestimmten Situation zu tun. Wir haben eben nicht immer die gleichen Situationen, in denen wir immer gleich reagieren können oder sollen.

Augenmaß
Genauso wie Fingerspitzengefühl keine exakt beschreibbare Verhaltensweise ist, beschreibt auch Augenmaß etwas, das in einer Situation sinnvoll ist. Dafür müssen wir ebenfalls ein gewisses Gefühl entwickeln, was dem Augenmaß entsprechend passend ist.
Augenmaß bedeutet für mich, die Größe einer Situation realistisch einzuschätzen. Nicht zu dramatisieren, aber auch nicht wegzuschauen. Gerade unter Druck verlieren viele genau diese Fähigkeit.

Urteilsvermögen
Das entwickelt sich eben nicht nur aus Vorgaben, Regeln und Gesetzen, sondern es braucht auch das, was wir in Österreich unter Hausverstand verstehen.  Was ist angebracht? Und wo muss ich mich manchmal gegen Regeln stellen, um zu einem sinnvollen Ergebnis zu kommen?
Wir alle kennen Vereinbarungen, die in Wirklichkeit einen Ablauf behindern. Und es freut uns, wenn sich jemand nicht stur an die Regeln hält, sondern eine Entscheidung trifft, die in der Situation adäquat ist.

Also der Polizist, der nicht sofort straft. Der Schiedsrichter, der verwarnt und nicht sofort die rote Karte zückt. Oder auch die Führungskraft, die erkennt, was nun wirklich angebracht ist.
Urteilsvermögen entsteht:

  • durch Erfahrung 
  • durch Fehler 
  • durch Beobachtung 
  • und durch Reflexion 

Das heißt: Als Führungskraft bin ich manchmal auch gefordert zu überlegen – nicht nur, was ausgemacht oder vorgegeben ist, sondern was passend ist. Und auch das ist eine Gabe, um als Führungskraft energievoll zu wirken.

* XHV = XunderHausVerstand - eine internationale Errungenschaft

** Der Podcast: Hotel Matze – von & mit Matze Hielscher. Hartmut Rosa – Warum bleiben wir erschöpft?

Bild: Martin Sattlberger